Broder’s tit-for-tat
1. Dezember 2009
Wenn es nach Henryk M. Broder ginge, hat die Schweiz nur den Anfang gemacht – für einen neuen Umgang mit “dem Islam”
Henryk M. Broder kommentiert das Minarettverbot in der Welt Online mit gewohnter Ironie (Einer muss den Anfang machen). Er hat recht, wenn er sagt, dass ein Volksentscheid sich nicht nach den Interessen anderer Länder zu richten hat. Aber viel weiter kann ich Broder nicht folgen.
Moslems dürfen in Europa Gebetshäuser bauen, Christen in den arabisch-islamischen Ländern dürfen es nicht (von den Juden und anderen Dhimmis nicht zu reden). In Afghanistan und Pakistan droht Konvertiten die Todesstrafe, Touristen dürfen nach Saudi-Arabien nicht einmal Bibeln im Gepäck mitführen. Das sind Zustände, die nicht toleriert werden können. (Henryk M. Broder: “Einer muss den Anfang machen”, Welt Online)
Diese Zustände sind nach Broder’s Logik eine gute Begründung für das Minarett-Verbot: Weil autoritäre und diktatorische Regime Andersdenkende verfolgen, müssen Muslime hier in Europa nach dem “tit-for-tat”-Prinzip behandelt werden.
So wie zwischen den Regierungen Slots für die Fluggesellschaften ausgehandelt werden, werden jetzt auch „Landerechte” für den Bau von religiösen Einrichtungen vereinbart. Natürlich nicht im Verhältnis eins zu eins, aber grundsätzlich. (Henryk M. Broder: “Einer muss den Anfang machen”, Welt Online)
Hinter dieser Ironie verbirgt sich Broder’s Vorstellung einer homogenen “muslimisch-arabischen” Welt, der es entgegenzutreten gilt. Nicht in einzelnen Menschen, sondern im Islam sieht Broder die Bedrohung. Und dieser Islam wird für Broder gleichermaßen von den Ahmadinedschads dieser Welt, wie von muslimischen Schweizern oder Flüchtlingen repräsentiert. Denn sonst würde auch Broder klar sein, dass ein Schweizer Minarettverbot die Diktatoren anderer Länder wohl kaum stört (oder eher freut).
Wenn es in Bonn eine König-Fahd-Akademie geben kann, die nicht der Schulaufsicht untersteht, muss es in Riad oder Jedda eine Evangelische, eine Katholische oder eine Akademie für Theorie und Praxis des Atheismus geben können. (Henryk M. Broder: “Einer muss den Anfang machen”, Welt Online)
Ist Broder nun dafür, dass verschiedene Religionen an einem Ort ihre Repräsentationsbauten haben sollen oder dagegen? Ist Broder nun für religiös-differenzierte Bildung, also muslimische neben christlichen und jüdischen Einrichtungen, oder dagegen? Seinem Text nach zu urteilen hat er keinen klaren Standpunkt, sondern einen Erziehungsauftrag gegenüber dem “Kollektiv der Muslime”. Broder möchte endlich ein bisschen mehr von der Intoleranz diktatorischer Regime als eigenen Maßstab nehmen, um den Muslimen ein Zeichen zu setzen. Das ist Broder’s tit-for-tat. Wie gesagt, nicht eins zu eins, für die Wiedereinführung der Todesstrafe wird Broder nicht sein. Aber mit ein bisschen Minarettverbot hier und da, meint er, könnte man die “arabisch-muslimische Welt” schon mal provozieren.
Bei allen vermeintlichen und tatsächlichen Werten Europas, sie werden nicht bewahrt, indem man die eigene Intoleranz an die anpasst, die man anderen vorwirft.
„Scheiß Schweizer! Zuerst Steueroase – nun Nazi-Paradies!“ – „Durch diese hohle Gasse muss der Rechtspopulist kommen“ – ironische Artikel zu diesem Thema –
http://freidemzen.wordpress.com/2009/11/29/scheis-schweizer-zuerst-steueroase-%E2%80%93-nun-nazi-paradies/
http://freidemzen.wordpress.com/
Genau, wie wir alle dachten – zwar waren zwei Antwortmöglichkeiten erlaubt aber eigentlich doch nur eine gestattet – „Für den Minarettbau heißt: aufgeschlossen, aufgeklärt, intelligent; gegen ebendiesen heißt nun mal: intolerant, rechtsextrem, faschistisch! Da kann man ja eigentlich nicht so viel falsch machen! Macht das Kreuzchen, wo es hingehört und alle sind glücklich!“
ansonsten wird diffamiert und kräftig mit der braunen Keule geschwungen – so funktioniert Demokratie – aber irgendwie stinkt Demokratie ja!
Toll, dass auch noch alle wissen wieso genau die Schweizer sich so entschieden haben. Und zwar aus den falschen Gründen…
Ich rufe auf die Wahlen dann einfach abzuschaffen, so wird immer richtig entschieden!
Nikita Bondarev
Nö, ich denke nicht, dass jetzt der Faschismus ausbricht (ich weiß, der Kommentar soll ironisch sein, will es aber mal gesagt haben). Was das Wahlergebnis aussagt, ist ein ganz eigenes Thema (und wird zB in Ihrem Blog diskutiert).
Mir ging es um Broders Konstruktion des “Moslem an sich” und den Aufruf, eben diesem mit der ihm vorgeworfenen Intoleranz zu begegnen. Mir ging es darum, dass in der Diskussion wieder von der “arabisch-islamischen Welt” die Rede ist, die alle ansprechen und keiner sagt, was das überhaupt sein soll. Ich bezweifle, dass es Sinn macht, Schweizer und deutsche Muslime mit dem
iranischensaudischen oder pakistanischen Regime in einen Topf zu schmeißen. Und das machen Broder & Co.Hendrik Kraft.
Ja, also ich kann Broder auch nicht so recht folgen. Ebensowenig wie der Feministin Julia Onken aus der Schweiz, die für das Minarettverbot gestimmt hat, weil der Islam für die Unterdrückung der Frau (sic!) stünde. Nachzuhören hier: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1083092/
Was bei so einer Argumentation noch zu einem “kritischen Dialog” verlocken soll, ist mir schleierhaft. Was soll ich mit jemandem diskutieren, dem es so offensichtlich an Informationen und kritischer Distanz und Tiefe mangelt? Sie wird aber vermutlich viel Gelegenheit haben, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, die “endlich mal ihre Meinung sagen dürfen”… (vgl. Interview)
Ich finde es einfach anstrengend, wenn im Rahmen solcher notwendigen und wichtigen Diskussionen oft persönlichen Ressentiments nach dem Motte: “Man wid doch mal seine Meinung sagen dürfen” der Stellenwert von ernsthaften Beiträgen zugemessen wird. dafür ist die Sendezeit des (ansonsten von mir sehr geschätzten) Deutschlandfunks einfach zu schade.
Übrigens freue ich mich sehr über deinen Blog und werde in Zukunft sicher öfter vorbeischauen!
Ciao!
Isabella