Rumänisches Judentum und die Gegenwart
Ein paar Zeilen zum neuen Mahnmal und zu Andrei Oişteanu
Bei einestages.spiegel.de erschien neulich ein Interview mit dem Berliner Antisemitismusforscher Wolfgang Benz anlässlich der Einweihung des Holocaust-Mahnmals in Bukarest. Dabei fiel mir ein neulich gelesenes Interview mit dem rumänischen Hebraisten und Religionshistoriker Andrei Oişteanu ein (wegen Benz’ einleitender Feststellung, Rumänien habe in den letzten Jahren große Fortschritte bei der eigenen Vergangenheitsbewältigung gemacht und wegen seiner abschließenden Bemerkung, dass Rumänien nach Deutschland im intensivsten Maße am Juden- (und Roma-) mord beteiligt gewesen war).

Die „Dilemateca“, das Magazin der Dilema Veche, führte im Oktober ein Gespräch mit Oişteanu. Neben den Inspirationen für seine Rockband in den 60er und 70er Jahren wie auch einigen Gedanken zu Mircea Eliade und der Hippie-Bewegung, fand ich insbesondere Oişteanus Gedanken zur gegenwärtigen Situation des rumänischen Judentums interessant. Angesprochen auf sein Buch über die „imaginären Juden“ äußert er sich zufrieden über die jüngsten Entwicklungen in der rumänischen Politik, Gesellschaft und in den Massenmedien. Hier sieht er Rumänien als positives Beispiel im Vergleich zu Ungarn, wo gegenwärtig eine extrem-rechte Bewegung an Einfluss gewinnt. Rechte rumänische Parteien aus den 90er Jahren, wie die PUNR (Partidul Unităţii Naţionale a Românilor) seien inzwischen vergessen, die Vatra Românească kenne heute kein Student mehr. Sogar Parteien wie die PRM und die PNG sieht Oişteanu heute als politische Randerscheinungen. Lediglich eine Organisation wie die ASCOR (Asociaţia Studenţilor Creştini Ortodocşi din România) mit ihren sehr rechtsgerichteten, xenophoben und homophoben Ansichten zählt er zu den unangenehmen Erscheinungen der Gegenwart. Im Gegensatz zu anderen Ländern habe sich aber laut Oişteanu zumindest die offen nationalistische und antisemitische Stimmung der 90er Jahre inzwischen gelegt. Die Frage nach dem latenten Rassismus in Rumänien bleibt dabei natürlich unbeantwortet.
Andrei Oişteanu hat sich als erster rumänischer Wissenschaftler systematisch mit der Rolle des rumänischen und europäischen Antisemitismus in der rumänischen Kultur befasst, den er als historischen Bestandteil der nationalen rumänischen Identität rekonstruierte. Für seine Arbeit trug Oişteanu eine große Menge an Quellenmaterial zusammen, mit dem er zeigt, wie der „imaginäre Jude“ als kulturelle Negativ-Blaupause für alles „Unrumänische“ herhielt. „Imaginea Evreului“ ist inzwischen in den USA auf Englisch erschienen, eine deutsche Übersetzung ist in Arbeit.
Oişteanus Hoffnung ist es, die Geschichte und gegenwärtige Situation der jüdischen Gemeinde Rumäniens in der Welt bekannter zu machen. Die rumänischen Juden blieben bisher weitgehend unbeachtet – obwohl dort mit 800.000 Mitgliedern im Jahre 1939 zeitweise eine der weltweit größten jüdischen Gemeinschaften lebte. Heute leben laut Volkszählung rund 8000 Juden in Rumänien.

Aber seine Arbeit zur Geschichte der rumänischen Juden möchte Oişteanu weder als einfachen historiografischen Abriss noch als ethnozentrischen Blick verstanden wissen, sondern als Versuch einer möglichst objektiven Betrachtung des Stereotypen-Inventars zum „evreul imaginar“. Der imaginäre Andere und jene kulturell tradierten Ausgrenzungsmechanismen, die Oişteanu rekonstruiert, sind aber nicht nur in Rumänien anzutreffen. Mit den regionalen Facetten des rumänischen Antisemitismus demonstriert Oişteanu ein Phänomen, das, in verschiedenen Formen weltweit verbreitet, im Kern immer gleich ist. Darum hat sein Buch weit über Rumänien hinaus Bedeutung.
Beim Umgang mit dem jüdisch-kulturellen Erbe sieht Oişteanu noch großen Sensibilisierungsbedarf in der rumänischen Gesellschaft und beim rumänischen Staat. Es sei noch nicht jedem klar, dass Juden keine Außerirdischen, sondern ein Teil der rumänischen Nation sind. Deswegen wiesen noch immer Teile der rumänischen Gesellschaft die Verantwortung im Umgang mit der jüdischen Geschichte und mit ihrem reichen kulturellen Beitrag von sich.
Vielleicht markiert das Mahnmal den Anfang einer neuen Auseinandersetzung der rumänischen Gesellschaft mit sich selbst und der eigenen Geschichte. Aber dass die rumänische Mehrheit das Judentum als Teil der eigenen Kultur begreift, wird sich wohl nicht mit einem Mahnmal ergeben.
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Das vollständige Interview mit Andrei Oişteanu auf Rumänisch gibt es in der Dilemateca Ausgabe Nr. 41/ Oktober 2009, S.58-66.
Außerdem zum Thema sei folgendes Buch von Dietmar Müller ausdrücklich empfohlen: „Staatsbürger auf Widerruf. Juden und Muslime als Alteritätspartner im rumänischen und serbischen Nationscode. Ethnonationale Staatsbürgerschaftskonzepte 1878-1941″.
Signal, 22.11.2009
Filme aus Russland – Sicherheitsbedürfnis in Bulgarien – Antisemitismus in Ungarn
Bei Deutschlandradio Kultur äußerte sich Laszlo Földenyi kürzlich besorgt über die Zustände in Ungarn, wo „Rechtsextreme und Antisemiten das Sagen“ haben, wie es auch Imre Kertész zuvor formuliert hatte. Das Interview mit Földenyi ist online nachhörbar oder direkt als →mp3.
Vorgestern verfasste Frank Stier auf Telepolis eine gute Situationsbeschreibung über Bulgarien, wo die Parlamentswahlen, mit denen Boiko Borissov Ministerpräsident wurde, inzwischen vier Monate zurück liegen.
Am Mittwoch startet die Russische Filmwoche in Berlin mit der Eröffnung im Kino International. Auf der Homepage gibt es das Programm, auch als →pdf.
Filmfestival Cottbus – mein Freitag und Samstag
schlussendlich
Am Freitag habe ich nur einen Film geschafft:
Kara Köpekler Havlarken (Schwarze bellende Hunde), Mehmet Bahadir Er/ Maryna Gorbach, Türkei/ Ukraine 2009
Der Film versucht jung zu wirken, zumindest merkt man ihm die teilweise aufgesetzt wirkenden Momente mit schnellen Schnitten und flotten Sprüchen an. Leider erscheinen die Gangster manchmal etwas ungewollt lächerlich und Spannung will nicht so recht entstehen.
Die zwei ambitionierten Protagonisten geraten zwischen die Fronten zweier verfeindeter Gebietshoheiten in einem Istanbuler Stadtteil, als sie in das von der Mafia verwaltete Security-Business einsteigen wollen. Die Entführung der Geliebten eines der Beiden am Ende des Films ist vorhersehbar, da die Liebesgeschichte nur stiefmütterlich behandelt wird und so als Mittel zur Story-Aufpolierung zu erkennen ist. Einige interessante Bilder gibt es aber im Film, insbesondere im Ensemble mit den Überwachungskamera-Aufnahmen aus der großen Mall. Ansonsten verrät der Titel bereits viel über die Gefahren, die den Helden so auflauern …
Am Samstag habe ich abschließend ein etwas größeres Programm genossen:
Byalo Zeleno Cherveno (Weiß Grün Rot) Kurzfilm, Milena Andonova, Bulgarien 2008
Der Kurzfilm präsentiert zu jeder der drei Nationalfarben eine kurze Szene, die symbolisch für die bulgarische Gegenwart steht. In drei kurzen Stichworten ließen die sich mit Alkoholismus, Naturausbeutung und Dekadenz zusammenfassen. Damit zeigt der Film einen für die Region selten kritischen Umgang mit dem eigenen Nationalsymbol Fahne.
A dnes nakade (Wohin heute), Rangel Valchanov, Bulgarien 2007
Bei diesem Film bin ich zwiegespalten. Die Idee, eine Schauspielergruppe einzusperren und ihr Spiel zu filmen liefert die Grundspannung. Man befragte die jungen Leute zu aktuellen, persönlichen und allgemeinen Themen. Das geschah vor 20 Jahren. Jetzt wurden die gleichen Schauspieler zu einem Treffen geladen, auf dem sie erneut eingesperrt wurden. Sie reflektieren über sich und Bulgarien, über die wesentlichen Veränderungen in ihren Leben in den letzten 20 Jahren.
Der Film wäre eine runde Sache, wenn sich nicht die ganze Zeit jene unangenehme Figur in den Vordergrund spielen würde, die der (echte oder gespielte) Erfinder und Regisseur des Ganzen ist. Außerdem schafft es der Film nicht, den Eindruck zu beseitigen, dass die als improvisiert dargestellten Szenen durchweg gespielt sind. So sieht man der schlecht erzeugten Glaubwürdigkeit nach zu urteilen kein spannendes Projekt, sondern nur einen Film über eine tolle Idee.
40-ci qapi (Die 40. Tür) Elchin Musaoglu, Aserbaidschan 2009
Hinter der 40. Tür verbirgt sich im Märchen, wie es in dem Film heißt, die geheimnisvolle, unbekannte Welt, die allen verborgen bleibt. Dieses Bild steht für Rustams abgelegenes Dorf und jene Welt, die er nach dem Tod seines Vaters verlässt, um für sich und seine Mutter zu sorgen. Der Vierzehnjährige erlebt die Großstadt als eine raue Welt aber findet sich sehr schnell und selbstbewusst zurecht. Die Bilder und die Kamera sind wunderbar in dem Film, außerdem überzeugt der Darsteller des jungen Protagonisten. Bis auf die letzte Filmsequenz wird auf gängigen Kitsch völlig verzichtet.
Sonbahar (Herbst), Özcan Alper, Türkei/ Deutschland 2009
Diesen Film fand ich belastend. Der aus dem Gefängnis entlassene Protagonist sieht die ganze Zeit traurig aus und findet sich in sein altes Leben nicht mehr ein. Der Mann ist depressiv, aber man erfährt nicht, was ihn eigentlich bewegt. Kurze Flashbacks deuten die politische Verfolgung an, der er und viele andere in seinem Alter ausgesetzt waren oder sind. Der Film ist offenbar eine Hommage an die gebrochenen jungen Männer, deren Träume zerstört wurden.
Leider bleibt die Schwere und Trauer des Films ohne inhaltliche Füllung. Stattdessen werden in unendlich lang erscheinenden Einstellungen Bewegungen des Protagonisten oder Landschaften gezeigt, die die Teilnahmslosigkeit der Figur zum Ausdruck bringen. Selbst mit der Frau, mit der der Protagonist noch am ehesten interagiert, bleiben die Dialoge oberflächlich. Dabei verbergen sich hinter den Figuren interessante Geschichten. Aber man erfährt weder etwas über die Vergangenheit, noch über die Gedankenwelt der georgischen Prostituierten und des in der Türkei politisch verfolgten Sozialisten. Ihr Zusammentreffen bleibt das zweier ganz allgemein trauriger Figuren. In einem nur von Trauer und Sentimentalität gefüllten Film. Vielleicht muss man das Thema näher kennen, um den Film zu mögen.
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Siehe auch:
Filmfestival Cottbus – Resumé Mittwoch
Filmfestival Cottbus – vier Filme am Donnerstag
Filmfestival Cottbus – vier Filme am Donnerstag
Armenien, Polen und die Babelsberger Filmhochschule
Anarak Vordu Veradardze (Rückkehr des verlorenen Sohnes), Narine Mkrtchyan/ Arsen Azatyan, Armenien 2008
Hier in Cottbus sah ich zum ersten Mal einen armenischen Film. Es war ein ruhiger, ernster Film. Der vor dem Krieg als Jugendlicher geflohene Mann kehrt nach Jahren zu seiner Familie zurück. Konfrontiert mit dem Unverständnis und den Vorwürfen fast aller Personen, die er trifft, kommen ihm triste Erinnerungsfetzen aus seiner Kindheit. Er hatte offenbar nichts zu verlieren, als er fortging. Nur die Frau, die ihn liebte und ihm weinend in den Armen liegt, hat inzwischen geheiratet und zwei Kinder. Darum freut auch sie sich nicht über seine Rückkehr. Niemand freut sich über seine Rückkehr, die Brüder nehmen sie ihm sogar übel. So verlässt er seine Familie wieder und steht zum Filmende erneut auf den Gleisen am Bahnhof, wo er am Anfang des Films stand. Der Bahnhofsvorsteher, (auch dieser hatte kein Verständnis für die Rückkehr) war aber inzwischen verschwunden. Der Protagonist macht sich allein wieder auf den Weg.
In dem ruhigen Film gibt es kaum Bewegungen. Die Kamera steht meist still, die Akteure bewegen sich nur wenig. Die Auftritte der Figuren haben etwas theatralisches. Zwischen den Landschaftsaufnahmen am Anfang und am Ende des Films ruhen die langen Einstellungen auf den Gesichtern der Protagonisten. Die Filmbilder werden dominiert von statischen, fotografischen Aufnahmen. So werden die ruhigen, aber intensiven Eindrücke der Hauptfigur dem Publikum vermittelt.
Dem Film fehlt jegliches Pathos, die Bilder besitzen eine emotionslose Neutralität. Es gibt keine schwere Musik, dafür Sonne und Naturgeräusche. Selbst als die verlassene Frau in Tränen ausbricht, behält der Rückkehrer sein klares Gesicht. In der gleichen Stimmung, mit der er kam, kehrt er wieder um.
Der Film wertet nicht die Handlungen seiner Akteure. Die Sicht des Protagonisten dominiert zwar das Gezeigte, aber es gibt genug Raum, um die ernüchterten Familienmitglieder nachzuvollziehen. Trauer oder gar Mitleid vermitteln sich nicht durch die Darstellung einer der beiden Seiten, die Dramatik ergibt sich vielmehr daraus, dass niemand mehr die Annäherung zum anderen braucht. In ihrem Wiedersehen fühlen sich beide Seiten in ihren inzwischen gefestigten Ansichten nur bestätigt: Wir können aufeinander verzichten.
Am Ende gibt es ein Motiv, das ich nicht ganz deuten konnte. Als der Rückkehrer auf den Gleisen das Dorf verlässt, erscheint ihm ein junges Mädchen, das einen Korb mit Teigrollen bei sich hat und ihm anbietet. Es gäbe ein Opferfest des Vaters, sagt sie, und bittet ihn, sich zu bedienen. Hiermit könnte auf den Tod des zurückgekehrten Sohnes hingewiesen sein.
Kochaj i tańcz (Liebe und Tanz), Bruce Parramore, Polen 2009
Ein Hochglanz-Dirty-Dancing im Warschau des 21. Jahrhunderts. Diese bewegte Foto-Love-Story könnte aus der Gala sein, die die Protagonistin abends vor dem Einschlafen liest. Es soll wohl ein Tanzfilm sein, nur leider sind sämtliche Tanzszenen völlig zerschnitten. Teilweise wird man in Sekundenbruchteilen mit flackernden Bildern bombardiert. Die eigentlichen Tänze gehen in der Effekthascherei leider unter. Was bleibt, sind die unangenehm perfekt wirkenden Jugendlichen mit Modellmaßen und unnatürlicher Gesichtsfrische nach durchtanzten Nächten.
Die Parabel ist die eines Kindermärchens: Der Vater, für die Karriere in die USA abgehauen, kommt als weltberühmter Tanzlehrer nach Polen zurück. Die Tochter, die ihren Vater bis dato nicht kannte, ist anfangs skeptisch und steht natürlich irgendwann auf ihren Papa. Während sie für eine Modezeitschrift über Tanz berichten soll, entdeckt sie mit dem Tanz-Märchenprinzen ganz schnell, dass sie auch „Tanz im Blut hat“, wie sie sagt. Klar, der Papa. Zum Schluss stehen jedenfalls alle vereint vor einer katholischen Kirche, Mama, Papa, Prinzessin und Prinz. Die Probleme haben sich in den 120 Minuten wie von selbst gelöst.
Das eigentlich Unangenehme neben der billigen Story ist aber die Inszenierung der Menschen. Ihre Reaktionen sind unmenschlich und puppenhaft, ihr Aussehen entspricht dem von Werbefiguren. Die Figuren haben keine Tiefen, sie sind charakterlich poliert und langweilig. Die Beleuchtung ist stets perfekt und die Bilder sind makellos. Macht euch ein eigenes Bild, Filmausschnitte (das sind keine Trailer oder Musikvideos) gibt es hier.
8 w poziomie (Horizontal 8), Grzegorz Lipiec, Polen 2009
Mit „Horizontal 8″ oder „8 waagerecht“ liefert der „Meister der Off-Szene“ Grzegorz Lipiec ein verwirrendes Filmwerk. in einem stilistischen Mosaik hangelt sich die Geschichte am Weg eines 100-Euro-Scheins um die Machenschaften einer kleinen Gruppe aggressiver Speed-süchtiger Drogenpolizisten, deren Hobby neben dem Zusammenschlagen jugendlicher Hasch-Dealer vor allem darin besteht, Araber zu jagen. In den klaren, kurzen Szenen, die stimmig und nie langweilig sind, beeindrucken insbesondere die verschiedenen Charakterfiguren. Die Mafiosi und Polizisten sind alle zwar derb überzeichnet, aber nie zu albern oder unglaubwürdig, und somit immer angsteinflößend und komisch zugleich. Wer Lust auf einen unkonventionellen Kleinstadtkrimi samt Komik und Sozialkritik hat, sollte diesen Film sehen. Hier ein Trailer.
Mein 89, Jospehine Frydetzki/ Ester Amrami/ Konrad Kästner/ Banu Kepenek/ Jöns Jönsson/ Štepan Altrichter, Deutschland 2009
Sechs Nachwuchsregisseure der HFF Potsdam stellten in ihren zu einer Episode zusammengefassten Kurzfilmen ihr wichtigstes Ereignis im Jahre 1989 vor. Der Mauerfall kam überall vor, mal zentral, mal nur am Rand. Lustig war Štepan Altrichters Idee, einen Schuljungen in Prag in seinen Träumen zu Knight Rider werden zu lassen, um dann mit KITT den Spitzel aus der Nachbarschaft zu jagen. Am besten gefiel mir aber der Beitrag von Jöns Jönsson, für den das Jahr 1989 eine Trennung bedeutete: die seiner Eltern und damit seiner Familie. In dem Dokumentarfilm reflektierten seine Eltern und Geschwister in Schweden die Ereignisse um den Bruch 1989. Ein Thema von dieser Intensität und auch Intimität vor die Kamera zu holen, kann in die Hose gehen. Mit Jönssons Film erhält man aber keinen Blick von außen auf ein Phänomen, sondern den kritisch begleiteten Rückblick jener Ereignisse, die der Regisseur selbst erlebt hat. Die Familie des Autors ist in diesem Film zwar das zentrale Beispiel, aber nicht das Thema. Das Thema ist die Frage nach der Vereinbarkeit von Leben und Familie. Und die Wunden aller Beteiligten, die sich aus den Unregelmäßigkeiten von Familie und Leben ergeben.
Mein 89 ist am Donnerstag, 3.12.2009 um 23:20 im rbb zu sehen.
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Siehe auch:
Filmfestival Cottbus – Resumé Mittwoch,
Filmfestival Cottbus – mein Freitag und Samstag
Filmfestival Cottbus – Resumé Mittwoch
Auch das Cottbusser Wetter verlangte einen Kinotag
Boogie, Radu Muntean, Rumänien 2008
Radu Muntean gelingt nach Hîrtia va fi albastră mit Boogie ein weiterer authentischer Ausschnitt aus dem rumänischen Alltag. Die Story ist fast verschwunden, die Menschen stehen im Mittelpunkt dieses 2008 erschienenen Films. Es macht großen Spaß, den jungen rumänischen Schauspielern Anamaria Marinca (432, Storm) und Dragoş Bucur (Marfa şi bani, Furia) auf der Leinwand zuzusehen.
Ein junges Pärchen samt Kind (Vlad Muntean) ist im Urlaub. Sämtliche Szenen sind nahezu schnittlos durchgespielt und trotzdem wirkt keine improvisiert. Die Rollen sind authentisch gelebt. Die gefühlte Abwesenheit der Kamera bringt eine unheimliche Nähe zu den Figuren, was der Filmkritiker Bernd Buder zur Begrüßung vor dem Film zurecht als „dokumentarischen“ Stil bezeichnete.
Der Film hat kein spezifisch rumänisches Thema. Es ist die Alltäglichkeit der menschlichen Probleme, die diesen Film so berührend macht. In weniger als 24 Stunden Handlungszeit gibt er einen unsentimentalen Blick auf ein „Mittelstands“-Pärchen, das mit den großen Fragen des Lebens kämpft. Dabei existieren keine eindeutigen Sympathieträger. Alle Seiten bleiben nachvollziehbar.
Zu dritt trinken die Männer, gehen bowlen und singen in Bogdans neuem Familienauto die Lieder alter Zeiten. Smaranda ist bereits zurück im Hotel, weil das Kind ins Bett musste. Diese Ausgangssituation gibt die Spannung für den Filmverlauf. Bogdans Sehnsucht nach dem Ausbruch aus den Familienstrukturen und seine Flucht vor Verantwortung prallen auf Smarandas Enttäuschung über den Verlauf des Urlaubs. Eine Nacht mit alten Kumpels, Bier und gekauftem Sex statt familiärer Wärme. Am Morgen, als Bogdan angetrunken nach Hause kommt, ist es Smaranda, die sich für ihre Vorwürfe der letzten Nacht entschuldigt.
Kozelat (Der Ziegenbock), Georgi Dyulgerov, Bulgarien 2009
Der Film hat mir insgesamt nicht gefallen. Die Erzählperspektive eines Ziegenbocks, der auf die Menschen schaut, ist eine lustige Idee, aber die Handlung ist nicht überzeugend. Die Rollen sind durchweg einfach und mit Klischees angehäuft. Der Film versucht sich auf locker-komische Weise dem Nationalismus in Bulgarien zu nähern, irgendeine Botschaft konnte ich aber nicht erkennen. Mal werden Mythen lächerlich gemacht, ein anderes Mal werden minutenlang die Folklore-Gesänge der amerikanischen Schauspielerin Angela Rodel pathetisch inszeniert, die ansonsten auch noch schlecht spielt.
Eine gute Szene ist die, in der der bulgarische Protagonist Yona und die Amerikanerin Emma aneinander vorbeireden, sich beide aber dadurch verstehen, dass jeder das versteht, was er verstehen möchte. Beide verstehen die Sprache des anderen nicht und freuen sich aber über den für sie jeweils angenehmen Gesprächsverlauf, den sie nur aus den Gesten ableiten.
Zum Filmende heißt es: Das thrakische Erbe konnte niemand retten, aber touristisch lässt es sich vermarkten. Yona heiratet dann doch nur die Zigeunerin Ivanka, die sich zuvor sexuell für ihn prostituierte. Emma, auf die es Yona eigentlich abgesehen hatte, verließ Bulgarien wieder mit ihrem Mann. Über Skype wird immerhin noch gemeinsam musiziert, während die (inzwischen nicht mehr schmutzige) Ivanka Touristenführungen zu den alten Wandmalereien durchführt.
Alive!, Artan Minarolli, Albanien/ Österreich/ Frankreich 2009
Der Film beginnt wie eine US-Highschool-Serie. Kali, der äußerlich als albanischer Enrique Eglesias durchgehen könnte, geht in Diskos, trinkt Bier und die Kamera ist dabei, wenn er seine halbnackte hübsche Freundin küsst. Der in Tirana lebende Student (Fach: albanische Literatur) ist wohl der perfekte Schwiegersohn.
Die glänzende Teenager-Welt wird dann vom Tod des Vaters im Heimatdorf überschattet. Das eigentliche Problem ist allerdings, dass Kali die auf seinem Vater liegende Blutrache erbt und ab sofort in Lebensgefahr schwebt. Aus dieser Situation kommt er nicht mehr heraus, zu starr hält die rachsüchtige Familie am Kanun fest. Eine Flucht quer durch Albanien beginnt.
Die schönen Landschaftsaufnahmen stehen im Kontrast zu den verwestlichten Tirana-Bildern des Anfangs. Kali trifft auf hilfsbereite Menschen, erlebt Feiern, Streit, Angst, Leid und Freude. Auch weitere Küsse mit einer wohlhabenden Schönheit sind dem Herzensbrecher nicht vergönnt. Die ganze Zeit über bleibt dem Protagonisten und dem Zuschauer die Todesgefahr im Hinterkopf. Der Film ist schnell und modern, das Hollywood-Kino ist als Inspiration eindeutig erkennbar. Einzig albanisch ist das Thema Blutrache, das dem Protagonisten bis zum Schluss verfolgt. Während der glatte und durchweg makellose junge Mann ein freies, modernes Leben in Tirana führte, holten ihn die archaischen Lebensformen des Dorfes zurück in eine Realität aus der Vergangenheit. So bleibt der Film, neben schönen Bildern vom traditionellen Dorf, auf dem einfachen Schema Pro-Westen versus Blutrache hängen und ist damit etwas einfach gestrickt.
Caravana Cinematică (Kino Caravan), Titus Muntean, Rumänien/ Deutschland 2009
Der Film ist sehr empfehlenswert. In unangestrengter Komik wird die kommunistische Erziehung auf den Arm genommen, die mit mobilen Kinos in LKW über die Dörfer zog, um Propagandafilme zu zeigen. Der Film hat den Humor, den man aus A fost sau n-a fost kennt. Die Figuren werden nicht bloßgestellt, sondern in ihren Lebenssituationen dargestellt. Im Gegensatz zu einem Film wie Sonnenallee ist dieser rumänische Film ein weiteres Beispiel dafür, wie man sich mit der kommunistischen Lebenswirklichkeit auch humorvoll auseinandersetzen kann, ohne die Figuren lächerlich zu machen. Es gibt kein Gut und kein Böse, es gibt nur die verschiedenen Erwartungen ans Leben, die mit den Dorfbewohnern und den zwei mobilen Kinobetreibern aufeinanderprallen.
Einer der Parteifunktionäre verliebt sich im Laufe des Films in eine Dorfbewohnerin, was ein beklemmendes Ende nimmt und das Komische am Schluss des Films überschattet.
Crnci (Die Schwarzen), Zvonimir Jurić/ Goran Dević, Kroatien 2009
Der letzte Film war bedrückend und sollte gesehen werden. Soldaten der Militär-Sondereinheit „Crnci“ (Die Schwarzen) werden Opfer ihrer eigenen Nervosität und Aggression. Die wackelige Handkamera im Mannschaftswagen gleich in der ersten Szene zeigt, dass sich Zvonimir Jurić an Hîrtia va fi albastră orientiert hat. Dass der rumänische Film seine wichtigste Inspiration ist, hat er im Publikumsgespräch nach dem Film deutlich gesagt.
Dieser (Anti)Kriegsfilm begleitet die Soldaten in den emotional aufreibenden Situationen. Kampfhandlungen spielen kaum eine Rolle, die psychische Zermürbung der Männer durch Angst, Panik und Ausweglosigkeit wird ausgezeichnet vermittelt. Es gibt keine Musik, eher verstörende Geräusche, langgezogene Töne. Dazu das farbenschwache Bild, eine zuckende Kamera und weiße, verschwitzte Gesichter von Jugendlichen in Uniform. Der größte Teil spielt in einer kasernenähnlichen Unterkunft mit Linoleumboden und Neonröhren. Schlaf gibt es nicht, dafür verteilt der Chef Alkohol.
Der Film nimmt sich Zeit. Während der langen Kameraeinstellungen lernt man die Menschen unter den Uniformen besser kennen. Die Kritik am Krieg bleibt angenehm unpädagogisch. Die Sinnlosigkeit des Krieges erklärt sich zudem, ohne einen einzigen feindlichen Soldaten zu zeigen. Damit stellt der Film Krieg generell zwar in Frage, bleibt aber auch unpolitisch, da kein direkter Zusammenhang zu jenem spezifischen Krieg in Jugoslawien oder zu den kroatischen Militärstrukturen herstellt. Auf die kroatischen Reaktionen dieses neuen Films ist der Regisseur Zvonimir Jurić gespannt, der sagt, er wollte in erster Linie einen verstörenden Film machen.
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Siehe auch:
Filmfestival Cottbus – vier Filme am Donnerstag
Filmfestival Cottbus – mein Freitag und Samstag
Signal, 6.11.2009
Zweimal Kunst, ein dokumentierter Konflikt und ein Blick in die Geschichte:
Die rumänische NGO Romani CRISS hat jetzt Filmmaterial zu den Anti-Roma Ausschreitungen diesen Jahres in Sânmărtin, Harghita, online veröffentlicht. (Für einen Text zu den Ereignissen siehe Die Ethnie im Visier.)
Kommende Woche beginnt das FilmFestival Cottbus, Festival des osteuropäischen Films. Der Vorverkauf ist wohl vorbei, aber Besucher werden vor Ort zu den jeweiligen Filmen Karten bekommen. Hier die Preise, hier die Kontaktadressen.
Vom 15. bis 19. November findet in Bad Kissingen eine Tagung unter der Überschrift „Deutsch-jüdische Kultur- und Beziehungsgeschichte in Ostmitteleuropa“ statt. Infos, Programm und Referentenliste gibt es hier.
In Berlin gibt es ab morgen (7.11.) eine Fotoausstellung zum Leben an der rumänischen Donau: „Einmal Alltag und zurück“. Vor der Vernissage gibt es ein Konzert, Veranstaltungsort ist das Rumänische Kulturinstitut im Grunewald (Königsallee 20A). Alle Infos hier.
Vortrag zu Kosovo-Abschiebungen
Signal spezial:
Am Freitag (30.10.) referiert Karin Waringo in Berlin über die Geschichte und heutige Situation der Roma in Europa: „Verdammt, vertrieben, abgeschoben – Kosovo-Roma zwischen Flucht und Abschiebung“ ist die Veranstaltung betitelt, die auch eine Diskussion mit einschließt. Beginn ist 19:30 im Rroma Aether Klub Theater in der Boddinstraße 5 (nahe Rathaus Neukölln).
Mehr Informationen zur Veranstaltung gibt es im Aushang (→pdf).
Karin Waringo ist auch Autorin auf der Website Chachipe.
Czernowitz – ein europäisches Symptom?
Czernowitz kann als Synonym für eine aufgeklärte jüdische Kultur in Europa stehen. Oder für die noch immer andauernde Vernichtung dieser Kultur.
Bis zum Holocaust waren die Juden die größte Bevölkerungsgruppe in der Stadt Czernowitz. Ein historischer Abriss über die Czernowitzer Juden auf Englisch kann hier nachgelesen werden, darüber hinaus ist dieses Buch zu empfehlen.
Czernowitz stand für mich als Inbegriff einer aufgeklärten europäischen Kulturmetropole. Rose Ausländer und Paul Celan repräsentieren genau diese deutschsprachige Kultur, sowie deren Auslöschung durch die Deutschen unter Mithilfe der Rumänen.
Heute sind Czernowitz und die Nordbukowina Teil der Ukraine. Neben Ukrainern und Russen haben Minderheiten wie Rumänen, Deutsche und Juden nur noch verschwindend geringe Bevölkerungsanteile. Die Vielsprachigkeit sowie die von den Juden gelebte deutsche Kultur prägten die Geschichte dieser Stadt. Beim Besuch im ukrainischen Czernowitz der Gegenwart konnte ich entdecken, was davon übrig ist.
Leichenhalle am Eingang des jüdischen Friedhofs Czernowitz.
Ich hatte mehr erwartet, als dieses zerfallende Haus mit rostiger Kuppel und zerschlagenen Fensterscheiben. In der Halle liegen Schutt und Müll, die Inschriften an den Wänden rieseln mit dem Putz herunter. Die Ruine wird geziert von einem kippenden Davidstern. Aber das Haus ist kein offizielles Mahnmal zur Geschichte der Juden. Es ist ein authentisches Mahnmal über den Umgang mit der Gegenwart der Juden von Czernowitz.
Verfall. 2005 hatte dieses Gebäude 100-jähriges Jubiläum.
Die jüdische Gemeinde mit ihren wenigen Mitgliedern schafft es finanziell nicht, den großen Friedhof mit seinen über 50.000 Grabstätten zu erhalten. (Zum Vergleich: der als größter in Europa geltende jüdische Friedhof in Berlin Weißensee beherbergt über 115.000 Grabstätten.) Die Stadt Czernowitz kümmert sich augenscheinlich nicht um den respektvollen Erhalt des jüdischen Friedhofs. Wer hier die Gräber seiner verstorbenen Nächsten besucht, muss sich mit dem Anblick einer großen Anzahl umgekippter Grabsteine abfinden.
Geraten die Czernowitzer Grabsteine nur aufgrund der Physik oder auch durch Menschenhand ins Wanken?
Ob nun die Natur oder Grabschänder die Steine umstürzen – sie sind zahlreich, die nicht wieder aufgestellt werden. Eine idyllische Naturbelassenheit kann nicht über die erkennbare Verwahrlosung des Geländes hinwegtäuschen.
Dem gegenüber stehen die gepflegten nicht-jüdischen Friedhöfe, aber insbesondere eine top-sanierte Innenstadt. Czernowitz vermarktet seinen Habsburg-Flair. Die restaurierten Fassaden werden flächendeckend jede Nacht intensiv beleuchtet.
Schickes Czernowitzer Zentrum.
Die große einstige Synagoge im Zentrum der Stadt schmückt heute nur noch Postkarten und Werbebanner. Seit der Zerstörung durch einen Brand 1941 wird das ehemalige jüdische Gebetshaus als Kino genutzt. Diese Zweckentfremdung repräsentiert den Anfang des jüdischen Verschwindens aus Czernowitz, das nahtlos in die heutige Zeit reicht.
Ein Werbefoto mit der Synagoge. Im Hintergrund, hellblau, das gleiche Gebäude heute: ein Kino.
Aus der Nähe: Kino „Černivci“. Ein kleines Schild weist auf die ursprüngliche Bestimmung des Hauses als Synagoge hin.
Ein „Jüdisches Haus“ im Zentrum der Stadt beschäftigt sich mit der Geschichte der Bukowiner Juden. Wer gegenwärtiges jüdisches Leben in der heutigen Stadt Czernowitz finden will, muss länger suchen. Die von der Touristeninformation herausgegebene Karte im deutschsprachigen Stadtführer zeigt nicht, wo sich die letzte, gegenwärtig benutzte Synagoge der Stadt befindet. Mit etwas Glück findet man sie in einer Nebenstraße.
Glaubt man dem Vertreter der jüdischen Gemeinde Czernowitz, mit dem wir sprachen, so hat sich die Situation für die ukrainischen Juden, speziell in Czernowitz, seit der „Orangen Revolution“ verschlechtert. Die Hoffnungen an eine „pro-westliche“ Regierung wurden enttäuscht: Minderheiten wie die Juden sehen kein Geld für den Erhalt und die Pflege ihrer kulturellen Einrichtungen, es herrscht eine politische Stimmung der Einschüchterung gegenüber Juden. Die Rede ist von einem erstarkenden Antisemitismus, der den aus der „pro-russischen“ Zeit übertreffe.
Das Erzählte passt zu den Bildern. Im Rahmen einer Ukrainisierung der Gesellschaft scheint alles jüdische nur noch für die Idealisierung der Czernowitzer Geschichte eine Rolle zu spielen. Wenn es um gegenwärtigen Austausch und um Unterstützung geht, herrscht offenbar Ignoranz.
Im 3sat-Interview auf der Frankfurter Buchmesse verwehrte sich Herta Müller dagegen, mit Paul Celan in einem Atemzug genannt zu werden.
Ich habe, als ich anfing, Celan zu lesen, ein riesiges Problem gehabt, und begreifen müssen, auf welcher Seite ich geboren bin. (..) Ich gehöre nicht zu der Minderheit, zu der Paul Celan gehört. Man muss diese historischen Tatsachen ansehen. (Zitiert aus dem Interview)
Wie Paul Celan als Schriftsteller für die deutsche Sprache steht, so steht er als Jude für eine „Seite“, die von Deutschen vernichtet werden wollte und größtenteils auch wurde. Herta Müller wurde durch das Handeln ihrer eigenen Verwandten von dem Schriftsteller Celan entfernt, der in der gleichen Sprache Literatur schrieb, wie sie.
Der Erfolg der NSDAP, die Juden aus dem „deutschen Volkskörper“ herauszudefinieren (was wesentlicher Bestandteil der Identität dieser Partei, seit dem ersten Parteiprogramm 1920, war), äußert sich bis heute im bundesrepublikanischen deutschen Selbstverständnis, auf dessen Grundlage man sich den sogenannten „volksdeutschen“ (christlichen) Minderheiten und deren Nachkommen (etwa in Rumänien oder auch in der Ukraine) finanziell und kulturell verbunden fühlt, nicht aber den Juden.
Solange der nationalistische Schatten und die bis heute gültigen Einteilungskategorien von „Nation“ und „Minderheit“ Bestand haben, so lange wird eine deutsche Außenpolitik in der Ukraine behaglich das Thema Energieversorgung ansprechen und über den schleichenden Zerfall letzter Repräsentationen des Judentums hinwegsehen.
Czernowitz verbildlicht die Musealisierung und Mahnmalisierung des europäischen Judentums. Und die gelungene Auslöschung seiner Gegenwart in der Gegenwart.
Zwischen Stolz und Scham
Rumänische Stimmen zum Literatur-Nobelpreis für Herta Müller
Herta Müller hatte Rumänien 1987 verlassen, um der politischen Verfolgung und Einschüchterung zu entkommen. Der rumänische Geheimdienst Securitate folgte ihr bis nach Westberlin. Damit steht das Land Rumänien im Leben und in der Literatur Herta Müllers für leidvolle Erfahrungen, um die niemand sie beneidet.
Nach über 20 Jahren ist Rumänien ein Staat in der Europäischen Union und Herta Müller eine Berliner Nobelpreisträgerin. Aus rumänischer Sicht wird der diesjährige Nobelpreis sehr unterschiedlich wahrgenommen und könnte eine Diskussion über die Rolle des Staates in der Vergangenheit entfachen.
Der Gândul fragt, ob der Preis für Herta Müller ein Preis für Rumänien sei und fasst die Reaktionen einiger wichtiger kultureller Köpfe Rumäniens zusammen. Demnach sieht zum Beispiel Mircea Cărtărescu wenigstens zu einem kleinen Teil auch die rumänische Literatur mit dem Preis für Herta Müller geehrt. Andrei Pleşu äußert sich positiv darüber, dass mit diesem Nobelpreis eine dunkle Seite der rumänischen Geschichte ins Licht rückt.
In diesem Sinne mahnt Cristina Modreanu im Gândul, den Nobelpreis als Chance für Rumänien zu begreifen. Sie erinnert daran, dass Herta Müller auf jeder ihrer Rumänien-Reisen nach 1989 forderte, die Vergangenheit öffentlich zu thematisieren. Bis heute sitzen ehemalige Securitate-Kader in hohen Ämtern und die Securitate-Akten werden immer wieder zurückgehalten. Herta Müller wartet bis heute auf ihre Akte.
Die Romane der Autorin existieren größtenteils zwar in rumänischer Sprache, wahrgenommen wurde ihre Literatur aber in Rumänien, wie in fast allen Ländern – so gut wie gar nicht. Sie ist der rumänischen Öffentlichkeit eher als Dissidentin bekannt denn als Schriftstellerin, zudem geht sie selbst davon aus, in Rumänien unbeliebt zu sein.
Die rumänische Presse weist bei aller Euphorie darauf hin, dass Herta Müller nicht ein einziges Mal von rumänischer Seite für den Nobelpreis nominiert wurde, aber bereits mehrmals von deutscher. Claudia Candet nennt ihren Artikel in der Ziua de Constanţa Mit der Faust auf der Brust wegen etwas, das uns nicht gehört.
Die meisten Vertreter rumänischer Kultur traten mit immer pompöseren Erklärungen über den besonderen Verdienst der rumänischen Autorin ins Rampenlicht. Ganz plötzlich war Herta Müller bekannt, geschätzt und gelobt von denjenigen, die sie noch vor 22 Jahren verleugneten. Ungeniert gegenüber ihr, der die Anerkennung für 20 Jahre literarische Arbeit gebühren müsste, hat man sich in Erklärungen gegenseitig überholt. Über die internationale Anerkennung für eine derartige Auszeichnung [...]. (Zitiert und übersetzt von hier)
Candet wundert sich, dass bisher niemand auf die „demütigenden“ Finanzierungen des Kultusministeriums hinwies und auf den „jämmerlichen“ Zustand der rumänischen Kultur. So kommt sie zu dem pessimistischen Schluss, dass es einen rumänischen Literatur-Nobelpreisträger wohl niemals geben wird.
Dan Tapalagă, der Herta Müller in seinem Kommentar bei Hotnews als nicht-rumänische Schriftstellerin einordnet, nennt sie neben Eginald Schlattner und bewundert die authentische literarische, wenn auch unterschiedliche, Verarbeitung beider Schriftsteller. Was ihm aber fehlt ist eine rumänische Herta Müller, die literarisch laute Fragen stellt, ein rumänischer Eginald Schlattner, der als Opfer oder Informant der Securitate seine Rolle literarisch verarbeitet. Müller und Schlattner sieht er als schmerzvolle Spiegel für andere Schriftsteller.
Wir haben ihnen den Haupt-Stoff geliefert, das Leid, sie haben ihn anderen erzählt, auf Deutsch. Allmählich entdeckten wir sie wieder, als ihre Werke im Ausland Anerkennung fanden und sie absoluten Erfolg hatten. Wir haben sie in überschaubaren Auflagen in Rumänien übersetzt, nachdem sie in Deutschland Bestseller-Autoren waren. Heute fällt uns ein, dass es sie gibt, weil, ist es nicht so, sie inzwischen auch einen Nobelpreis bekommen haben. Wir haben sie hierzulande ignoriert, so sehr wir konnten oder wir haben sie heuchlerisch vereinnahmt, während wir die Nationalhymne anstimmten. (Zitiert und übersetzt von hier)
Es wird sich zeigen, ob die selbstkritischen Töne aus Rumänien erst der Anfang einer größeren Diskussion sind, die dem Literatur-Nobelpreis 2009 folgt. Diskussionsbedarf zur Situation von Minderheiten gibt es nicht nur in Rumänien.
Signal, 8.10.2009
Vernissagen hier und hier
Am morgigen Freitag (9.10.) eröffnet in Bukarest in der Galeria Art Point (Bd. Regina Maria nr.2) eine Bilder-Ausstellung unter der Überschrift Puncte de vedere (übersetzbar etwa mit „Sichtweisen“ oder „Standpunkte“). Die Werke von vier rumänischen Künstlern werden zu sehen sein.
Am selben, morgigen Freitag eröffnet in Berlin im Senatsreservenspeicher (Cuvrystr. 3-4) eine Ausstellung (Installation, Film, Zeichnung & Skulptur) unter der Überschrift Grenzgänge nach dem Mauerfall von mehreren Berliner Künstlern.
Der dritte Termin ist wieder der gleiche und betrifft nocheinmal Berlin. Jean-Luc Tillière präsentiert ab morgen seine Fotografien unter der Überschrift Brest – Brüssel – Berlin – Bukarest in der Fantom_ Galerie Hektorstraße 9-10.
Entscheidungen in Moldova
In der Republik Moldau befindet sich eine neue Regierung im Entstehungsprozess
Gestern wurde die Visumpflicht für Rumänen aufgehoben, die von den Kommunisten kurz nach den Protesten im April eingeführt worden war. Damit hob Mihai Ghimpu die nicht nur in Moldova umstrittene Grenzregelung wieder auf. Indes soll auch die Position Ghimpus eines (nicht vom Parlament gewählten) formalen Übergangs-Präsidenten vom moldauischen Verfassungsgericht als rechtmäßig bestätigt worden sein. Vlad Filat wurde jetzt zum offiziellen Kandidaten für das Amt des Premierministers, und damit des Regierungsführers, nominiert.
Die neue Regierungs-“Allianz für europäische Integration“ will die Ministerien neu strukturieren. Unter anderem soll es ein Ministerium für Jugend und Sport geben (der Bereich Jugend war zuvor Teil des Bildungsministeriums) – nach Protesten von Jugendverbänden nun sogar ohne die ursprünglich geplante Verschmelzung mit dem Tourismusministerium. Daneben soll die Grenzsicherung zukünftig dem Finanzministerium unterstehen, was die Kommunisten kritisierten, die damit die Sicherheitsinteressen der Menschen in der separatistischen Region Transnistiren gefährdet sehen. Sowieso soll nun auch das Ministerium für territoriale Reintegration aufgelöst werden und als Staatsbehörde weiter existieren. Die neue Regierung sieht darin eine Verbesserung der Verhandlungsposition mit Blick auf Transnistrien, die Kommunisten hingegen werfen der neu entstehenden Regierung fehlendes Interesse an der Suche nach einer Lösung des Transinistrien-Problems vor. (Alles u.a. hier)
Für großes Aufsehen sorgte auch die neue Regelung, nach der moldauische Regierungsmitglieder neben der moldauischen zukünftig auch andere Staatsbürgerschaften haben dürfen sollen.
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